TU Wien, Institut für Photogrammetrie und Fernerkundung, im April 2006

 

NACHRUF AUF PROF. KARL KRAUS

(* 23. April 1939, 5. April 2006)

 



Professor für Photogrammetrie und

Vorstand des Institutes für Photogrammetrie und Fernerkundung der TU Wien

 

 

Als es im April des Jahres 1974 den Lehrstuhl für Photogrammetrie an der Technischen Universität Wien neu besetzen galt, war ein 34 Jahre junger Mann namens Karl Kraus gekommen, um die Nachfolge des damals bereits über 70 Jahre alten Prof. Karl Neumaier anzutreten. Den Namen „Karl Kraus“ kannte man in Wien in einem anderen Zusammen­hang, sicher nicht auf dem Gebiet der Photogrammetrie. Man hatte den Mut besessen, auf einen jungen, hoffnungsvollen Wissenschaftler zu setzen, der reichlich Zeit haben sollte, seine Vor­stellungen von photo­grammetrischer Forschung umzusetzen und der diese Chance, wie man weiß, voll nutzte. Die personellen Voraussetzungen waren bescheiden. Ein Techniker, zwei Assistenten und eine halbe Hilfskraft konnten übernommen werden, zwei neue Assistenten-Stellen und eine sogenannte Institutsverwaltungskraft waren in der Berufungszusage enthalten.

Sein zentrales Forschungsgebiet war das digitale Geländemodell, welches bis zuletzt eine prominente Stelle in seinem Schaffen einnahm. Das Software-Paket SCOP wird mit seinem Namen immer verbunden sein. Dann kam die Entwicklung von Software für die effiziente Herstellung von Orthophotos. Kraus erkannte auch rechtzeitig, dass der Verwaltung der Geländedaten eine zentrale Bedeutung zukommen werde und initiierte den Aufbau eines topographischen Informationssystems. Er sah auch, dass neue Sensoren, wie multispektrale Scanner, neue Wege der Auswertung bedurften und dass die analytische Bündelblock­ausgleichung eine zentrale Stelle einnehmen wird, und er leitete die dafür notwendigen Schritte ein. Die digitale Bildverarbeitung und die Fernerkundung begannen bereits nach wenigen Jahren seiner Tätigkeit am Institut Fuß zu fassen. Das Lehrangebot wurde erweitert, eine Einführung in die Fernerkundung wurde angeboten und schließlich empfand Prof. Kraus, dass es Zeit sei, für eine Umbenennung des Institutes einzutreten, damit es die volle Breite seiner Tätigkeit widerspiegelte. Der neue Namen hieß jetzt „Institut für Photo­grammetrie und Fernerkundung“. Ein Höhepunkt in den Bestrebungen, die Fernerkundung an seinem Institut zu festigen, war die Zuerkennung einer neuen Professoren-Stelle für Fernerkundung, die ganz in seinem Sinne mit einem jungen Physiker besetzt werden konnte. In den letzten Jahren erkannte er schnell, dass die neue Technologie des Laser­scannings die Datenerfassung revolutionieren sollte. Die Anregung zur Gründung des Christian-Doppler-Laboratoriums „Räumliche Daten aus Laserscanning und Fernerkundung“ im Jahre 2003 stammt von ihm.

Ein großes Anliegen von Prof. Kraus war die Lehre. Die Studierenden sollten eine qualitätsvolle Ausbildung erhalten, wozu nicht nur klare Vorlesungs- und Übungs­gestal­tung, sondern auch umfassende Lehrunterlagen gehörten. Aus einem unscheinbaren, aber didaktisch beeindruckenden Skriptum wurde in kürzester Zeit das Lehrbuch „Photogramme­trie Band 1“, das 1982 herauskam. Dieses Buch wurde ein voller Erfolg – es kam zu Übersetzungen in zahlreiche Sprachen und es folgte eine ganze Serie von aktualisierten Auflagen, wovon die siebente die aktuellste ist. Die Übersetzung ins Englische dieser in weiten Teilen neu geschriebenen Auflage ist gerade im Entstehen. Für die vertiefenden Studien kam dann noch „Photogrammetrie Band 2“ und „Photo­grammetrie Band 3“ heraus. 1988 wurde „Fernerkun­dung Band 1“ und kurz darauf „Fernerkundung Band 2“ aufgelegt. Allen diesen Büchern war großer Erfolg beschieden. Sie tragen die Handschrift von Prof. Kraus, sie sind klar aufgebaut und trotz manchmal komplexer Materie leicht verständlich geschrieben.

Die Ausbildung lag Prof. Kraus generell am Herzen. Er begann schon sehr früh, lange bevor eine offizielle animierende Richtlinie ausgearbeitet worden war, mit regelmäßigen Universitätskursen und -lehrgängen, in denen im Beruf Stehende die Möglichkeit bekamen, sich über den neuesten Stand des Wissens zu informieren. Diese Weiterbildungs­angebote erfreuten sich, auch aus internationaler Sicht, durchwegs so regen Zuspruchs, dass sie sich in die Liste der universitätsweit erfolgreichsten Kurse einschreiben konnten. Dem Kontakt zu Firmen kam auch sonst zentrale Bedeutung zu. Seine Maxime war: Die Universität sollte beratend zur Seite stehen und Firmen auf fachlich neuem Terrain unterstützen, aber sie sollte sich im Falle von etablierten Technologien aus dem Wettbewerb zurückziehen. An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass Prof. Kraus die Kontakte ins benachbarte, früher noch dem soge­nannten Ostblock angehörende Ausland intensiv pflegte, was keine Selbstverständ­lichkeit gewesen war. Es kamen von dort immer wieder Dissertanten und Gastwissen­schaftler und er selbst hielt Vorlesungen an verschiedenen Universitäten. Eine besondere Ehrung wurde ihm durch die TU Budapest zuteil, wo er 1990 zum Ehrendoktor ernannt wurde. Nicht vergessen darf man auch sein Engagement in der Österreichischen Gesellschaft für Vermessung und Geoinformation, in deren Vorstand er war und deren Ehrenmitglied er ist, und sein sehr persönlicher Einsatz für die Verleihung des Eduard-Doležal-Preises und des Neumaier-Preises, mit welchen jungen Leuten die Möglichkeit gegeben wird, ihre wissenschaftliche Ausbildung zu vervollständigen.

Für die TU Wien nahm Prof. Kraus zahlreiche Funktionen ein, wovon hier nur die Zeit als Dekan (1983-86) und als Rektor (1987-89) erwähnt werden soll. Von 1992 bis 1996 war er Kongressdirektor der Internationalen Gesellschaft für Photogrammetrie und Fernerkundung (ISPRS). Der XVIII. große internationale Kongress 1996 in Wien wurde unter seiner Leitung ein voller Erfolg. Diese Tätigkeit verbindet ihn auch mit einem anderen Österreicher, nämlich mit Prof. Eduard Doležal, welcher die ISP(RS) in Wien gegründet hatte und im Jahre 1913 den ersten Kongress durchführte. Kraus setzte sich in den letzten Jahren sehr dafür ein, dass bei der notwendig gewordenen Neu­registrierung der ISPRS Österreich als Standort gewählt werde, wobei er sich immer wieder auf seinen Urahn Doležal berief. Leider war ihm dieser Erfolg nicht gegönnt, was ihn persönlich sehr getroffen hatte. Für ihn war Wien aus historischer Sicht ein ganz wichtiger Ort der Photogrammetrie, im speziellen die TU Wien, wo die Wiege der ISPRS stand.

Dass er selbst dazu beigetragen hat, der Photogrammetrie an der TU Wien zu internationa­lem Ansehen zu verhelfen, ist ihm selbst vielleicht am wenigsten bewusst geworden. Er hat in einem Drittel-Jahrhundert (in fast auf den Tag genau 32 Jahren) ein Institut aufgebaut, welches es von der anfänglichen Mini-Belegschaft zu etwa 35 Beschäftigten gebracht hat. Im Schnitt ist also im Laufe seines Wirkens pro Jahr eine neue Mitarbeiterin oder ein neuer Mitarbeiter dazugekommen, denen er in kollegialer Weise, unabhängig von deren Funktion, vorstand. Regelmäßige Besprechungen und Seminare in lockerer Atmosphäre, gemeinsame Betriebsfeiern und Ausflüge, all das führte zu einem freundschaftlichen, ja man könnte sagen, familiären Klima am Institut, das auch die wissenschaftliche Arbeit befruchtete. Physisch mag Prof. Kraus von uns gegangen sein, sein Geist ist aber allgegenwärtig. Er war mit uns und er bleibt mit uns.